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Führt Wissen zu Fortschritt?

Patrick Wiesmann

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Den Grundstein für Wissen legt die Beobachtung. Wenn ich das Haus verlasse, fallende Tropfen beobachte, nass werde, Wolken sehe; dann weiß ich, dass es regnet. Was bedeutet es jedoch, wenn ich aus dem Haus komme und sehe, dass die Straße nass ist? Es wäre naheliegend davon auszugehen, dass es geregnet hat, aber absolut sicher kann ich mir da nicht sein; ­ es könnte auch sein, dass die Straße mit einem Gartenschlauch nass gemacht wurde. Und was bedeutet es, wenn ich sehe, dass sich am Himmel dichte graue Wolken, zügig nähern? Ich könnte von meinen Erfahrungswerten ausgehen und behaupten, dass es bald regnen wird, absolut sicher kann ich mir aber auch in diesem Fall nicht sein: Aus vergangenen Beobachtungen lässt sich keine Gesetzmäßigkeit für die Zukunft ableiten.

Und dennoch sind eben solche Gesetzmäßigkeiten und Vorhersagen von enormer Bedeutung für die heutige Gesellschaft, da in der Anhäufung von Wissen und dem damit scheinbar verbundenen Fortschritt der Schlüssel für eine bessere Welt gesehen wird. Der Institution Wissenschaft wird dabei ein großes Vertrauen entgegen gebracht. Ihre Forschungsmethoden werden allgemein anerkannt, einen grundsätzlichen Zweifel an physikalischen oder chemischen Gesetzen, gibt es kaum noch. Die Möglichkeit etwas in einem wiederholbaren Laborversuch beobachten zu können gibt eine Sicherheit, die auch zukünftige Ereignisse scheinbar vorhersehbar macht.

In anderen Bereichen der Wissenschaft, zum Beispiel der Wirtschaftswissenschaft, mangelt es an der Möglichkeit wiederholbare Experimente durchzuführen, weil hier ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzukommt: das menschliche Verhalten.

Obwohl es äußerst verschiedene Handlungsmotiven und Verhaltensweisen gibt, wird davon ausgegangen, dass sich auch in diesem Forschungsbereich aus vergangenen Beobachtungen Vorhersagemöglichkeiten für die Zukunft ergeben. Nur so ergibt sich die Legitimation für eine Wirtschaftswissenschaft, welche durch ihre Erkenntnisse die wirtschaftliche Entwicklung beeinflusst und vorgibt. Geht man davon aus, dass ein wirtschaftliches System Fortschritt und Wohlfahrtssteigerungen herbeiführen soll, dann kommt den Vorhersagemöglichkeiten und dem Systemverständnis der Wirtschaftswissenschaft eine sehr hohe Bedeutung zu. Aus ihrer Modellwelt heraus ergeben sich Handlungen, die dem Wohle aller Menschen dienen sollen.

Die für heutige wirtschaftliche Handlungsentscheidungen maßgebenden Daten konnten erst durch den technologischen Fortschritt der Maschine gesammelt werden. Es wird davon ausgegangen, dass der Fortschritt in den Wirtschaftswissenschaften und in der Sammlung wirtschaftlich relevanter Daten zu einem besseren Verständnis wirtschaftlicher Vorgänge führen. Trotz der steigenden Komplexität von wirtschaftliche Modellen und Systemen, wird die Wirtschaft immer noch von scheinbar unvorhersehbaren Krisen geprägt.

Dabei hat sich der diese Krisen hervorrufende Finanzmarkt zu einem großen Teil von realwirtschaftlichen Vorgängen entkoppelt. Computeralgorithmen können innerhalb von Millisekunden große Unternehmen in eine Krise stürzen, ohne dass dem eine reale Entscheidung vorangegangen ist. Trotzdem wird diesem komplexen Börsensystem vertraut und solch eine zentrale Bedeutung zugestanden. Es ist eine Simulation der Wirtschaftswelt entstanden, die sich scheinbar immer weiter vom realen Wirtschaften entfernt und in der immer mehr Entscheidungsgewalt bei Computern liegt. Eine programmierte Systemwelt bestimmt die Realwelt.

Damit kommt den Computern und den Programmierern dieses wirtschaftlichen Systems eine Bedeutung zu, die so auch Weizenbaum vorhergesehen hatte. Für den Großteil der Menschen bleiben die entscheidenden Vorgänge innerhalb dieses Systems völlig intransparent, denjenigen, welche dieses System prägen, kommt eine besondere Verantwortung zu. Dabei scheint die Komplexität des Systems immer weiter erhöht zu werden ohne dabei zu hinterfragen, ob dies im Sinne der eigentlichen Zielsetzung geschieht. Der scheinbare Wissensgewinn, die Verarbeitung immer größerer Datensätze und der Glaube an den damit verbundenen Erkenntnisgewinn üben den Reiz dieser Simulation aus, nicht die Wohlfahrt der Menschheit. Es ist also fraglich, ob sich Wissenssuchende innerhalb dieses Systems verlieren, statt Fortschritt zu finden.