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: sv_II
Dieser Text wurde von fünf Personen kollaborativ in drei Tagen auf Basis des folgenden Gerüst geschrieben:
1) In einem kleinen Zimmer mit einem Fenster steht ein Sessel.
2) Auf dem Stuhl sitzt eine Frau.
3) Am Fenster steht ein Mann.
4) Er guckt hinaus.
5) Zeit vergeht.
6) Die Frau steht auf.
7) Der Mann dreht sich zu ihr um.
8) Sie gehen aufeinander zu. Die Frau gibt dem Mann ein Papier.
9) Darauf steht etwas geschrieben. Der Mann und die Frau umarmen sich.
10) Dann verlässt der Mann das Zimmer.
Der entstandene Text wurde während der öffentlichen Veranstaltung zu Savoir Vivre II von Mirjam vorgelesen. Währenddessen erhielten die Besucher SMS mit den Fussnoten und Anrufe mit denen Sie in einzelne Räume gebeten wurden um dort ein Handyritual durchzuführen. Die so entstandenen Videos haben entfernt mit der hier bereitgestellten Geschichte zu tun und wurden am Ende der Veranstaltung durch die Besucher gemeinsam abgespielt. Somit wurde die Geschichte durch die Videos auf den Telefonen noch einmal erzählt und mit dem Ende der Veranstaltung verflog die Zusammengehörigkeit dieser Erzählung.
- - -
Sehr geehrte Damen und Herren.
Am Ende meines Sprechens wird Jemand aus dieser Tür in langsam geführten
Schritten an dieses Mikrophon treten. Ein kurzer Seitenblick in Richtung
dieses Flures, in dem Publikum stehen wird, welches teils erwartungsvoll,
teils miteinander redend, auf den Beginn der Veranstaltung wartet. Ein
kurzer Griff zum Jackett, um zu überprüfen ob es richtig sitzt. Die
Schritte verlangsamen sich und die Person erreicht ihr vorläufiges Ziel:
Das Mikrophon.
Der Soundingenieur wird seinen Blick senken für eine letzte Überprüfung von
Lautstärke und Einstellung des Mikrophons. Auch wenn er den Regler
nicht bewegen wird, wird er ihn doch noch einmal berühren. Dann wieder der
Blick nach oben.
Eine Person im Publikum wird den Auftritt der Person am Mikrophon bemerken
und ihr Gespräch mit der danebenstehenden Person beenden. Es ging um eine
mögliche Reise nach Helgoland. Ihre Mutter könnte ihr ein Zelt
leihen. Auf Helgoland kann man nicht zelten.
Die Person am Mikrophon wird sich nun als jemand herausstellen, der
scheinbar etwas in das Mikrophon sagen will. Die letzten Gespräche des
Publikums werden unfreiwillig verstummen. Eine Person wird sich ärgern über
den nicht vollendeten Satz, der das von ihr vorher Erzählte nun nicht mehr
hinreichend erklären kann. Die Person nimmt sich vor, sich den noch zu
sagenden Satz gut zu merken. Sie wird ihn am Ende des Abends vergessen
haben. Eine andere Person wird erleichtert sein über den Abbruch eines
Gespräches, das sich in Banalitäten zu verlieren gedroht hatte. Eine
weitere Person wird sich aus tiefem Grübeln herausgerissen fühlen. Alle
werden ihre Handys ganz laut stellen. Die Anwesenden werden anfangen, sich
als Teile eines Publikums zu erkennen. Einzelne werden sich andere Einzelne
genauer anschauen. Jemand wird den Raum später betreten. Manche werden von
den Sitzgelegenheiten Gebrauch machen, mit denen der Raum dekoriert ist.
Die letzten werden ihre Jacken ausziehen, was ein lautes Rascheln erzeugen
wird, das einzelnen Anderen sichtlich missfallen wird. Alle werden gespannt
warten auf den Beginn einer Geschichte, um derentwillen sie an diesem Abend
hierher gekommen sein werden. Sie werden jedes Wort und jedes Zeichen auf
eine Dramaturgie abklopfen. Sie werden den ganzen Abend nicht aufhören
können, nach dieser Dramaturgie und ihrer Bedeutung zu fragen. Irgendwann
werden sie dann merken, dass der Abend sich eigentlich um sie selbst dreht
und um den Prozess, der in ihnen angestoßen wird. Die Person am Mikrophon
wird tief einatmen und den Abend beginnen und die im Raum versammelten
Personen werden merken, dass sie alle zu einem Teil der Geschichte werden
werden. Die Geschichte, die die Person am Mikrophon erzählt, wird den
ganzen Abend nicht aufhören. Die Geschichte wird der Abend sein. Es wird
die Geschichte sein von einer Frau und einem Mann.
IN EINEM KLEINEN ZIMMER MIT EINEM FENSTER STEHT EIN SESSEL [1]. Das
Zimmer ist eines von vielen in einem Haus. Es ist nicht besonders groß, ein Tisch für acht
Personen mit acht Stühlen hätte genau darin Platz, oder ein Doppelbett mit zwei Nachttischen
rechts und links, es würde ebenso ausreichen für ein kleines Tonstudio [2], das man in diesen
Raum hineinbauen könnte. Es gibt auch Menschen, die mögen Katzen sehr und würden aus so
einem Raum ein Zimmer für Katzen herrichten, andere Menschen, die gerne Lan-Partys
feiern, würden dieses Zimmer präparieren, indem sie es komplett abdunkeln würden, viele
Mehrfachsteckdosen anschließen würden und drei Tische in der Mitte zusammen schieben,
drum herum ein paar Stühle. Würde man rechts und links an den Wänden bis zur Decke
Regale hochziehen, dann könnten in diesen Regalen ca. 1000 paar Schuhe gelagert werden [3],
ohne Kartons. Dem allen ist nicht so. Das Zimmer war noch niemals Katzenzimmer, in ihm
wurden noch nie Lan-Partys gefeiert, es war noch kein Tonstudio und kein Schuhlager, aber
bis vor zehn Jahren ist es sein Leben lang ein Schlafzimmer gewesen.
Das Zimmer wurde häufig begangen. Begegnungen[4]. Erstmalige, einmalige,
letztmalige. Es ist schon länger hier, als es da sein wird. Den eng, robust
gewobenen Teppich betraten schon viele Schuhe. Schuhe, die nicht mehr
getragen werden, entsorgt wurden, in Schränken auf Entsorgung warten.
Darauf, dass sie von ihren Besitzern gehen. Die Maschine, die den Teppich
wob, wurde damals ins Ausland mitgenommen. Da steht sie nun. Die Hände,
die sie bedienen konnten, sind vergraben. Die Geschichten über sie
verschwunden. Es gibt keine Bilder mehr. Der Teppich wird nie in Erinnerung
bleiben. Die Schuhe werden entsorgt sein. Das Zimmer ist in vielen
Erinnerungen. Menschen waren hier. Sie trugen Ähnliches. Einmal hatte hier
jemand Sex [5]. Sie rissen sich gegenseitig die Kleidung vom Leib, schlüpften
beiläufig aus ihren Schuhen. Der Teppich ist robust. Deshalb wurde er für das
Zimmer gemacht. Das Zimmer ist auch nachts lange hell. Hier wurde viel Zeit
verbracht. Die Besucher ähnelten einander. Jeder schätzte den Nutzen des
Zimmers. Bald wird sich dieser ändern. Andere Begegnungen. Dann keine
mehr. Dann kein Zimmer mehr.
Nun gibt es in diesem Raum neben dem Sessel: Eine Stehlampe. Ein Bücherregal, einen
Spiegel, einen kleinen Schreibtisch, mit einem Arne-Jacobson Stuhl [6] davor. Auf dem
Schreibtisch liegt ein zugeklappter Laptop, daneben ein paar unachtsam aufeinander
geworfene Zettel. Das Fenster nimmt die gesamte schmalere Seite des Zimmers von der
Decke bis etwa Hüfthöhe ein. Draußen, hinter dem Fenster, da ist es Dunkel. Im Dunklen
spiegelt das Fenster demjenigen, der hinein schaut, das zurück, was im Raum ist. Damals
wurden häufig die Spiegelungen [7] im Fenster betrachtet und überlegt, was wohl jetzt dahinter
im Dunklen sein könnte. Sie betrachteten sich im Fenster [8]. Sie ähnelten einander, sahen im
selben Moment fast gleich aus, so wie der Andere daneben, aber anders, als die Anderen
davor. Heute sehen alle aus, wie die Anderen davor aussahen, gleichzeitig sehen sie anders
aus, als der Andere daneben. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. In den Gewässern eines stetigen
Stroms treibst Du jetzt in einem verflachten, homogenen Zeitabschnitt, dem alle spezifischen
Merkmale abhanden gekommen sind: Hilfe. Hilfe. Ganz ruhig. Sie wenden ihre Blicke ab. Sie
schauen im Internet, was da kommen wird. Analyse des Dagewesenen. Schnell drehen sie
sich mit dem Handy wieder um, schauen dahin, wo die Anderen damals standen und denken,
was die da dachten. Das Dunkel sieht jetzt nach dem Bild von denen aus, die das damals da
gemalt haben [9], was da sein sollte. Das hier soll dann aussehen, wie das Damals. Die hier
trauern darum, dass sie immer noch drinnen sind, dass sie wohl nie da rauskommen. Die
Anderen davor haben das Zimmer umgestellt [10], wie sie sich das da draußen vorstellten. Die hier
sehen das nicht. Sie jagen lieber all’ die Bilder der Anderen. Vielleicht ist es hinter dem
Fenster auch wie hier. Niemand wird es wissen. Auf der breiten Fensterbank steht eine Lampe
mit Lederschirm [11], die von innen und am Fuß mit Fell bezogen ist, (ziemlich pervers), von
welchem Tier, das wissen wir nicht so genau. Daneben fünf Ziergläser, in denen getrocknete
Blumen stecken. Es liegt direkt gegenüber der Wand, mit der Tür. Die Fenster sind gut
abgedichtet, aus anthrazitfarbenem Kunststoff. Ockergelb ist der Sessel [12], die Struktur des
Stoffes in sich gestreift, erinnert ein wenig an Kord. Am vorderen Ende der Armlehne, dort
wo sie von der Waagerechten in einem Schwung zur Vertikalen wird, ist der Stoff leicht
abgewetzt[13]. Es ist nicht der erste Bezug, mit dem dieser Sessel schon bezogen wurde. Wie alt
der Sessel ist und woher er kommt, dass wissen wir nicht so genau [14]. Von dunkelbraunen
Beinen, die im Vergleich zum bezogenen Rest des Möbelstücks eher filigran wirken, wird der
Sitz getragen. Der Sessel ist sicherlich über fünfzig Jahre alt, hat aber immer noch den alten
Bezug.
AUF DIESEM SESSEL SITZT EINE FRAU. Sie sitzt ganz ruhig, die Beine
übereinander geschlagen, die Arme verschränkt. Sie mag den Stuhl. Die Frau wird
wiederkommen, wenn das Zimmer gehen wird. Sie wird hier sein und sich erinnern, wie es
war. Sie wird sich nicht an den Teppich erinnern [15], vielleicht an den Stuhl. Bis dahin wird Zeit
vergehen. Die Frau wird sich noch oft erinnern. Sie lebt aus ihrer Erinnerung. Die Frau wird
sich an eine Beerdigung erinnern, zu der sie gegangen sein wird. Sie wird Teil der Trauernden
gewesen sein, Teil der dann nicht mehr existierenden Erinnerungen. Auch ihre Erinnerung
wird verblassen. Ob sie den Stuhl später immer noch mögen wird, ist ungewiss, auch, wann
sie ihn wieder besetzen wird, und ob überhaupt. Sie wird die Gesichter der Anderen dort
nicht erkannt haben. Sie wird ihre Tränen gesehen haben und sich fragen, warum sie da
gewesen sind. Die Frau wird den aufgebahrten Körper im Sarg gesehen haben. Der Sarg wird
aus schwerem, dunklem Holz gewesen sein. Der Sarg wird etwas zu prächtig, für den
Menschen, der in ihm liegt, gewesen sein, wird sie nach der Beerdigung gedacht haben. Man
wird ihm die Stunden der Arbeit angesehen haben. In jeder Furche wird vergangene Zeit
stecken. Stunde um Stunde Arbeit. Er wird aussehen, als sei er nicht ganz so gewollt gewesen.
Er wird aber eher so wirken, als würde jemand einfach drauflos gemacht haben. Der Mann
oder der Sarg? wird sich eine Person im hinteren Teil des Flures nebenbei fragen und dabei
schon wieder dem nächsten Satz lauschen. Lange wird die Frau den Menschen nicht mehr
gesehen haben, der da liegen wird. Seine Ruhe wird ihr Angst gemacht haben, sie wird immer
noch seine Stimme aus dem Handy hören [16]. Sie wird die Geschichten der Gesellschaft über den
Menschen gehört haben und ihn nicht wieder erkannt haben. Trotzdem wird sie jede
Geschichte kennen. Er wird ihr anders erschienen sein, als in ihrer Erinnerung. Sie wird sich
unsicher gewesen sein, wer er gewesen ist [17]. Die anderen werden die Situationen beschrieben
haben, als seien sie gestern gewesen [18]. Sie wird sich gefragt haben, warum sie ihn nicht so
gekannt hat. Dann wird sie ihre Erinnerung beschrieben haben, als sei sie gestern gewesen [19].
Die Prozedur wird abgelaufen sein, wie sie jetzt ablaufen würde. Die Frau wird um den
Menschen getrauert haben, die Prozedur wird sich in ihrer Erinnerung leer anfühlen. Diese
Frau sitzt also jetzt auf dem Sessel [20] und
AM FENSTER STEHT EIN MANN. Quer im Mutterleib, für einen Moment ohne Sauerstoff – überlebt.
Kaiserschnitt – überlebt. Als Baby vom Sofa gefallen – überlebt. Masern – überlebt. Fressorgien
bei Tante Else [21] – überlebt. Keuchhusten – überlebt – vom Schuppen gefallen – überlebt.
Fahrradunfall – überlebt. Alkoholvergiftung [22] – überlebt. Skisturz [23] – überlebt.
Lachanfall mit Thorsten – überlebt. Lungenentzündung – überlebt. Kündigung [24]– überlebt.
Blinddarmentzündung – überlebt. Hodenkrebs – überlebt. Grippewelle – überlebt.
ER GUCKT HINAUS. Draußen eine vertraute Szene. Stadt, Verkehr, etwas Grün. Und viele
vertraute Einzelszenen. Laute U-Bahnen auf der Brücke. Die Brücke zieht sich von links nach
rechts von rechts nach links komplett durch das Sichtfeld [25]. Rechts zeigt sich gerade so der
Anfang vom Bahnhof. Glas, Stahl, Beton. Dach aus grünem Kupfer. Ampeln. Wände aus
Blech und Milchglas. Die Brücke ist grau. Die U-Bahnen sehen aus wie Blöcke aus
Schmelzkäse [26]. Mit Löchern, und in den Löchern Tiere. Unter die Oberfläche passten sie damit
besser. Nicht, weil Schmelzkäse im Untergrund besser aufgehoben ist, aber weil die Farbe
hier nicht rein passt. Wellen von Autos darunter, schwerlich zu sehen. Ungewöhnlich gefärbte
Autos können hier kaum stören. Davor, mittig: ein hoher Baum. Hinter der Brücke mehr
Bäume, kleiner. Das alles vor einer Wand aus Wohnhäusern. Nicht richtig alt, nicht neu. Mal
breiter, mal schmaler. Die Farben sind wie Orangen-Gelee, Bordeaux-Rot, Vanille-Creme,
helles Pistazien-Grün oder schmutziges Rosé. Nicht aufregend oder gewagt, aber auch noch
nicht langweilig. Ein Haus trägt eine graue Mütze und hat Fenster mit weißen Streben, die die
anderen nicht haben. Es ist das aus Orangen-Gelee. Es versucht irgendwas zu sein. Zwei
Nachbarhäuser haben Schrägdächer, die anderen dafür Ornamente. Links von dieser Wand aus
Pastell öffnet sich ein weiterer Straßenzug, der eine Öffnung der weiten zweidimensionalen
Horizontalen andeutet, aber dafür auch noch mehr Pastell offenbart. Alles wie monolithisch
aneinander geschweißt. Fußgänger gehen ihren Weg. Die Sicht wird verdeckt von der
Jahreszeit entsprechend gestutzten Büschen. Ein Ruf in diese Stadthöhle würde sicher mit
einem "Routine!"-Echo beantwortet werden. Und trotzdem: Jede U-Bahn, jedes Auto, jeder
Passant ist irgendwohin unterwegs. Eher eilig als gemächlich. Wo es für sie hingeht gibt es
irgendwas zu tun. Ob es immer wieder das Gleiche ist? Der Mann verspürt Hunger und
Übelkeit. Eine U-Bahn fährt ab. Aus dem Bahnhof von rechts nach links verschwindet sie aus
dem Bild. Dort links, auf dem Gelände vor dem Fenster, pisst ein Mann gegen einen Busch [27].
Es ist schon abends und es wird langsam dunkel. Laternen gehen an. Zwei gelbe Würste [28]
zwängen sich gleichzeitig aneinander vorbei über die Brücke. Es ist jetzt richtig dunkel. Die
Übelkeit hat ihn mehr gelähmt, als er es zuerst gemerkt hat. Ob die Szene gerade wirklich vor
ihm war oder er in Erinnerungen abgeschweift ist, weiß er jetzt nicht mehr.
ZEIT VERGEHT.
Sie erinnert sich: Die Frau als Mädchen, Das Mädchen kommt ins Grundschulalter. Das
Mädchen hat einen großen Bruder [29]. Der Bruder spielt Geige. Das Mädchen will auch Geige
spielen. Das Mädchen fährt zum Geigenbauer vom Bruder. Das Mädchen bekommt eine
kleine Geige. Das Mädchen bekommt Unterricht vom Bruder. Das Mädchen macht sich gut,
aber ist genervt [30]. Das Mädchen bekommt Unterricht beim Lehrer vom Bruder. Das Mädchen
ist genervt. Das Mädchen bekommt Unterricht bei einer anderen Lehrerin. Das Mädchen ist
genervt. Das Mädchen bekommt Unterricht bei einem anderen Lehrer. Das Mädchen übt nicht
genug. Der Lehrer ist genervt. Das Mädchen ist genervt. Das Mädchen hört auf zu spielen.
Der Bruder zieht aus. Er zieht nach Helgoland. Jemand im Publikum wird sich fragen, warum
zur Hölle jetzt schon wieder Helgoland vorkommt und ob das etwas mit ihm zu tun hat [31]. Ein
jüngerer Bruder, aber älter als das Mädchen, spielt Klavier. Das Mädchen spielt jetzt auch
Klavier. Der älteste Bruder hat Geburtstag. Das Mädchen ruft ihn an und spielt ihm am
Telefon etwas vor [32]. Der Bruder freut sich. //
Der Mann erinnert sich: Er denkt an einen Weg; ein Fuß setzt sich vor den
anderen zwischen die flatternden Schatten, die die Sonne durch die Blätter
wirft. Tanzende Schatten auf dem Waldweg [33]. Er geht, ein Fuß vor dem anderen
und es riecht nach Sommer, nach warmem Waldboden und schweren Blüten.
Schwer zieht an seinen Muskeln die Kiste. Jene Kiste; brauner Karton,
gehalten von einer braunen Schnur. Verschlossen, vor keinem Blick je
geöffnet, ist die Kiste ihm seine geheime Welt. Der Weg ist recht lang und führt
durch Wälder [34] und schmale Landstraßen. Er muss in irgendein Dorf. Verlassene Gegend.
Landstraße, Wald, Landstraße, Wald, Wald. Jetzt ist nur noch Wald zu sehen, überall
Sträucher, Bäume, Waldboden. Baumkronen bilden eine dichte Decke. Es ist Spätsommer und
noch mitten am Tag, aber dunkel. Das ist schon viel zu dichter Wald, der Boden ist bedeckt
von Buschwindröschen, wie in jedem Frühling. Bald kommt die Nacht. Er hat sich ziemlich
sicher verlaufen. Ja, vor ihm ist nun eine Sackgasse. Das Navi [35] hat ihn hierher geführt und es
hätte ihn auch noch tiefer in den Wald gelotst, „an der nächsten Kreuzung bitte rechts
abbiegen.“ über den Hügel aus Matsch vor ihm mitten in den Sumpf dahinter, in dem er dann
möglicherweise gänzlich verloren gewesen wäre, wenn er irgendwann später erst gemerkt
hätte, dass er nun wirklich mitten im einem Wald gewesen wäre und nicht mehr auf einem
waldigen Weg hin zu seinem Ziel. Plötzlich: Ein Gesicht, ein vertrautes Gesicht vor
ihm. Es ist ein Freund, damals, aber er erinnert sich nicht mehr an dem
Namen, heute. Heute erinnert er sich nur noch an die Scheu, den Schritt
zurück, als der Andere ihm die Kiste entreißt. An den Schmerz einer
Trennung, die Ohnmacht angesichts eines Übergriffes, der sich anfühlt, als
hätte er, der Andere, mitten in ihn hineingegriffen. Als ziehe er ihm
Inneres nach Außen. Der Andere kann die Kiste nicht öffnen. Mit
enttäuschter Nachlässigkeit lässt er sie fallen, versetzt ihr einen
Fußtritt, die Kiste [36] fliegt und zerspringt an einem Baum. Als wäre in seinem
Innersten etwas geplatzt und in tausend Teile gesprungen steht er und
schaut und sein Innerstes läuft über und rinnt ihm aus den Augen, was sich
anfühlt wie Verrat.
Er erinnert sich daran, dass er in diesem Moment zwei Füchse auf einem Stein entdeckte, die
dort saßen und Traktorenquartett spielten: Hubraum: 12.900. Hubraum: 4.485. Der eine Fuchs
hüpft daraufhin in die Luft, der andere beißt sich in den Schwanz. //
Die Frau erinnert sich: Kaffee und Kuchen [37], Eierlikör, die braune Schrankwand, die grau-blau
gemusterte Sitzecke, Blumengesteck auf der braun-weißen Tischdecke, süßlich-zwiebeligerpolster-
scheuermittel-schweiß-mottenkugel Duft in der Luft, die Thermoskanne, die ihre Oma
zur Verabschiedung in den Ruhestand vom Finanzamt bekommen hat, auf der Kaffeetafel,
Opa mit der Kamera [38], der den Fernseher filmt, der schwarze Pudel will spielen und schnappt
in ihre Hand [39]. Da steht der Ockerfarbene Sessel vor der Terassentür. Opa trägt eine graue
Mütze. Das wird jemandem aus dem Publikum bekannt vorkommen und er wird an ein Haus
denken. //
Der hauntologische Apparat steigt wieder aus.
Erinnerung wird durchbrochen. // Er erinnert sich: Die Person, die hinter der Bar
stehen wird, wird auf einem Trödelmarkt eine Kiste entdeckt und gekauft
haben. Diese Kiste wird Videokassetten enthalten. Es werden alte VHSKassetten
sein, solche, wie sie dann kaum noch jemand wird abspielen
können, weil Niemand mehr im Besitz eines passenden Abspielgeräts sein
wird. Der Mann, den ich Daniel [40] nennen möchte, derselbe Mann, der an einem
späteren Punkt in seinem Leben hinter einer Bar stehen wird - wovon er
jetzt aber noch nichts wissen wird - wird aber im Besitz eines solchen
Abspielgeräts sein [41]. Er wird besonders neugierig sein [42] auf eine der
Kassetten, die mit den Worten "Hochzeit K und R 1993" beschriftet sein
wird [43]. Es wird ein Videofilm zu sehen sein, der drei Stunden dauern wird.
Auf der Aufnahme werden Menschen zu sehen sein, die Daniel nicht kennen
wird. Die Aufnahmen werden aus einer Zeit stammen, an die Daniel sich
erinnern können wird, die aber zu diesem Zeitpunkt schon sehr lange
vergangen sein wird. Es werden nicht nur Menschen zu sehen sein, sondern
auch Hunde. Es werden nicht nur Menschen und Hunde zu sehen sein, sondern
auch Gebäude und Städte. Es werden in den Aufnahmen Fernseher zu sehen
sein, auf denen eigene Videoaufnahmen zu sehen sein werden. Ausschnitte des
Films werden auch in diesem Raum hier gezeigt werden. Auch von den dann
anwesenden Personen wird Niemand eine Person, die in der Aufnahme vorkommt,
kennen.
Erinnerung wird durchbrochen // Sie erinnert sich: Grau und blau stehen sie an der
Bushaltestelle [44]; Mutter und Sohn - oder: Großmutter und Enkel - oder: Tante
und Neffe. Das Unwohlsein ist ihnen sichtlich anzumerken, denn Papa - oder:
Opa - oder: Onkel filmt und das ist etwas ganz Neues [45]. Sie stehen dicht
aneinander, zu dicht, wie für eine Fotografie zusammengerückt, unbeweglich,
als könne im Falle einer Bewegung das Video unscharf werden. Der Himmel und
die Fußgängerzone sind blau-grau. Ein blau-grauer Bus steht an der
Bushaltestelle, der fährt nach Wanne-Eickel, aber in diesen Bus steigen sie
nicht ein. Die Frage jetzt: War überhaupt irgendjemand schon mal in Wanne-
Eickel? Existiert dieser Ort? Oder ist er vielleicht ein Fehler in unserer
Zeitmatrix - eine Unregelmäßigkeit, ein Ort, den man nur hätte erreichen
können, wenn man an einem bestimmten Tag im Jahr 1993 an einer bestimmten
Bushaltestelle [46], deren Standort kein Mensch jemals wird wissen können, die
heute keine Bushaltestelle mehr ist, die nur an diesem einen Tag 1993
existiert hat, am Rand einer belanglosen Fußgängerzone irgendwo in
Westdeutschland - kurz: Hätte man nur auf diesem einen Wege, grau und blau
gekleidet, dicht aneinander stehend, jemals Wanne-Eickel erreichen können?
Schwebt Wanne-Eickel nun, wie eine nicht gelebte Potentialität, eine
potentielle Zukunft dieses einen Tages im Jahr 1993, zwischen den Welten?
DIE FRAU STEHT AUF. Sie hievt sich, auf die Armlehnen des Sessels gestützt, aus dem
Sitz [47]. Jung oder alt? Die Knie schmerzen nicht, die Füße sind belastbar, der Rücken tut nicht
weh. Ganz frei von Schmerzen, befreiend so ohne Schmerzen. Tai Ginseng baut auf. Sie
drippelt ganz schnell auf der Stelle, fängt an, sich dabei immer schneller im Kreis zu drehen
und boxt dabei mit eng angelegten Armen kleine Löcher in die Luft vor ihrem Bauch. Dabei
ein Blick auf ihr Handy, den Text über die „Überwindung des herrschenden Konservatismus“,
der gerade entsteht, kurz geforkt [48], „go deeper to the loop of retro and use it as a lasso to pull
yourself out into the future“ [49]. Ok, commit to masterbranch.
DER MANN DREHT SICH ZU IHR UM. Ein Augenblick, in dem sich plötzlich Möglichkeiten auftun [50].
Got everything, I got everything… I cannot complain, I cannot. Bist du dir da sicher? Da sind wir
also wieder, am Ende des Regenbogens [51]. Ok, lass mich dir eine Frage stellen, die sich mir
sofort aufdrängt: Wenn du alles hast, warum bist du dann so verdammt traurig? Wieder die alte Geschichte?
“Next time we fuck. // I don’t want to fuck, I want to make love… I want to trust.” [52] Ich glaub
dir einfach nicht. Du hast so viel Zeit damit verbracht, deine Täuschungen erst zu verbergen
und dann wieder selbst zu enttarnen, dass du selbst nicht mehr weißt, wann du mit uns spielst
und wann du ehrlich mit uns sprichst, du kannst den Unterschied selbst nicht mehr
ausmachen. Du weinst echte Tränen mit einem Auge, während du mit dem anderen, deine
letzte Unterwerfung kommentierend, locker über die Schulter in die Kamera zwinkerst. Du
hast uns überzeugt, dass du anders bist, aber das war ein Trick. Da ist nichts Mutiges oder
einzigartiges mehr, wenn du über deine Gefühle sprichst. Der Mann und die Frau werden sich
bald umarmen. Es wird Musik dabei zu hören sein. Da ist doch etwas, hinter dem Fatalismus.
Sie werden tief unten hören — den Übergang von Geräuschen zur Musik, das Abrutschen
vom Ego-Gehabe ins Gurren und Schnurren, die Entwicklung aus der Unterspanntheit in
Laszivität, die erst mal nichts zu tun hat mit lokalisierter Libido und den tumben
Automatismen phallischer Sexualität. Hier unten – wo unten? – findet die glorreiche
Befreiung aus dem Druck der Identität statt. Rave-like, pitched-up Stimmen werden hörbar,
hören auf, menschlich zu sein, sie werden zu Avataren von einem Raum, dessen Subjektivität
zurückgelassen wird, wie ein böser Traum. Wenn du in die Tiefen des Elektro-Ozeans
tauchst, dann schwimmst du nicht mehr allein in den Symptomen der Verstopfungen und
Blockaden der Gegenwart, sondern du bist umgeben von den Sehnsüchten nach etwas Neuem,
Seltsamen und Liebenswerten. Sie werden bald die Umarmung lange halten, aber nur ganz
kurz. Ein Blick am Ende, in dem ein Anfang liegt. [53]
SIE GEHEN AUFEINADER ZU. DIE FRAU GIBT DEM MANN EIN PAPIER. Papier
besteht zum größten Teil aus Zellulose, die heutzutage hauptsächlich aus Holz gewonnen
wird. Dabei ist Zellulose die häufigste organische Verbindung der Welt, aus der fast alle
pflanzlichen Zellwände bestehen. So waren auch Stroh und Hanf früher gerne verwendete
Rohstoffe für die Papierherstellung. Trotzdem hat sich die sehr aufwändige
Zellulosegewinnung aus Holz durchsetzen können: Durch Dämpfen, Wässern und
Hinzufügen von Chemikalien werden die Fasern der zu Hackschnitzeln zerkleinerten Bäume
gelockert, längeres Kochen und weitere chemische Behandlungen trennen die Zellulose dann
von unerwünschten Holzbestandteilen bevor der Zellstoff mit noch mehr Chemie gebleicht,
entwässert und anschließend zu weißem Frischfaserpapier weiterverarbeitet wird. Zum
Bleichen eignen sich mehrere Verfahren. Früher wurde hierfür bevorzugt Chlor [54] eingesetzt,
was jedoch mit einer erheblichen Belastung der Abwässer einhergeht. Alternative Verfahren
setzen mittlerweile entweder auf das weniger gefährliche Chlordioxid oder, wenn man
vollkommen chlorfrei gebleichtes Papier herstellen will, auf Sauerstoff, Ozon,
Wasserstoffperoxid oder Peroxoessigsäure. Die bevorzugten Hölzer für die Papierherstellung
sind Nadelhölzer wie Fichte, Kiefer und Lärche, da die längeren Fasern der Nadelhölzer dem
Papier eine höhere Festigkeit verleihen als Laubhölzer. Trotzdem werden auch letztere für die
Papierherstellung genutzt, insbesondere Eukalyptus, Akazie, Pappel und Birke. Die
Herstellung von Papier aus Holz ist energieaufwändig, sowie wasser- und rohstoffintensiv.
Für ein handelsübliches Päckchen Kopierpapier (500 Blatt DIN A4, 2,3 kg) werden 7,5
Kilogramm Holz, 130 Liter Wasser und 26,8 Kilowattstunden [55] Energie benötigt.
Die Frau gibt dem Mann also ein Papier. Eigentlich übergibt sie es ihm nicht, viel mehr hält
sie es ihm hin, ein stummes Angebot. Stumm sieht auch er sie an, greift sachte danach.
Seine Fingerkuppen streichen über ihre. Viel haben sie erlebt, die Hände. Beide Hände, beide
von ihr und beide von ihm. Das Papier ist knittrig und muss lange auf diesen Moment
gewartet haben. In der Mitte wurde es gefaltet, dann noch einmal. An den Kanten und
Knicken beginnt sich das feine Muster der Fasern zu lösen. Vor Jahren muss es ein teures
Papier gewesen sein, seine jetzige Form ist wohl der Unachtsamkeit seiner Bewahrer und
den Reißzähnen der Zeit geschuldet. Vielleicht wurde es lange in einer Brieftasche getragen,
vielleicht in vielen verschiedenen. Die Finger des Mannes fahren die Kanten entlang,
vorsichtig wendet er es hin und her. Soll er es aufklappen, ihm seinen Inhalt einfach
entreißen? Er weiß nicht, was ihn auf der Innenseite erwartet. Ein solches Papier ist zu
schade für eine Schreibmaschine, die Rohheit der Anschläge hätte sein Schicksal nur unnötig
beschleunigt. Gibt es noch die Papeterie, neben dem Bahnhof? Es ist ein Papier, für das sein
Vater den alten Kalligraphiefüller und das dazu vererbte Tintenfässchen geholt hätte. Das
Fässchen schimmerte bläulich, wenn am Nachmittag die Sonne auf den Sekretär im Flur
seiner Eltern schien. Im Deckel des Kristallglases brach sich das Licht besonders schön. Das
Papier ist noch immer gefaltet. Was auch immer seine verborgene Seite enthält, es wurde
behutsam aufgetragen, keine Druckstellen oder Kratzer konnten das dicke, von Zeit und
Tabakrauch gelblich gefärbte Gewebe durchdringen. Wenn er schrieb, hatte sein Großvater
immer seine Pfeife geraucht. Als Kind hatte der Mann ihm dabei oft zugesehen, wie er sie
aus der Vitrine holte, vorsichtig mit dem Pfeifenbesteck darin kratzte, sie sanft ausklopfte,
wieder stopfte. Hatte der Großvater einen guten Tag, ließ er seinen Enkel das Streichholz
anzünden. Zusammen hatten sie viele gute Tage. In der kleinen Wohnung hielt sich der
süßliche Duft des Vanilletabaks lange. Auch als der Großvater längst gestorben war, konnte
man ihn noch riechen. Sogar die Dosen, in denen der Mann seine Schrauben und Nägel
aufbewahrt, lassen den Duft noch erahnen. Er atmet ein und wieder aus. Entlang der
Faltstellen ist das Papier weißer, abgenutzt – es muss mehr als einmal auf- und wieder
zugefaltet worden sein. Wäre es größer, es sähe aus wie eine der Straßenkarten im
Handschuhfach. Die Straßen auf der Karte führen längst zu anderen Orten, wieder andere
Orte und Straßen gibt es nicht mehr. Vielleicht wird es sie wieder geben, irgendwann, und die
Karte von einem Relikt zu einer Prognose werden lassen. Sie hätte Ideen dazu. Aber das
muss warten, jetzt ist sie hier und übergibt ihm dieses Papier. Ganz nervös ist sie. So sehr
hat sie ihre Zigaretten lang nicht mehr vermisst [56]. Ist nicht noch eine Packung im
Küchenschrank?
AUF DEM PAPIER, das die Frau dem Mann gibt, STEHT ETWAS GESCHRIEBEN.
DER MANN UND DIE FRAU UMARMEN SICH. Sie werden die Umarmung lange halten, aber
nur ganz kurz. Eine Umarmung fördert die Bildung des Hormons Oxytocin [57], welches
den Blutdruck reduziert sowie eine vorbeugende Wirkung gegen Depressionen
besitzt. Frisch verliebte Meerschweinchen mit erhöhtem Oxytocin-Spiegel
können sich die Lage eines Futterplatzes partout nicht merken. Menschen,
mit einem erhöhten Oxytocin-Spiegel können die Gefühle ihrer Mitmenschen
besser lesen. Das prosoziale Hormon baut soziale Ängste ab, würde man
Oxytocin allerdings aus therapeutischen Zwecken verschreiben, würde ein
Gewöhnungseffekt eintreten und das Hormon würde seine positive Wirkung
nicht mehr entfalten [58]. Und jetzt, seit langer Zeit wieder, umarmen sich der Mann und die
Frau. Schön, aber trotzdem lugt geheime Traurigkeit aus dem Kragen hervor. Melancholie
frisst Hedonismus, sie zücken ihre Schwerter, aber sehen schnell ein, dass Laser da auch nicht
weiterhilft. Morbide und etwas ratlos fixieren sie sich auf die Entdeckung des miserablen
Hohlraums der super-überbordenen Identitäten. Hältst du dich gerade nur an mir fest, weil
dein Hohlraum dann mit meinem gefüllt wird? Vielleicht. Jauchze, froh locke – der Hohlraum
ist umzingelt. Es ist jetzt lange her, dass du alles erreichen konntest, was du wolltest, oder?
Statt ausschweifende Fahrradtouren zu nahegelegenen Badeseen zu veranstalten, fühle ich
jetzt jedenfalls eher eine Kombination aus Frust, Ärger, Selbstekel und bin mir bewusst
darüber, dass etwas fehlt. Ich bin mir auch nicht ganz sicher darüber, was es ist. Aber das
macht nichts. Komm jetzt her. Sie werden die Umarmung lange halten, aber nur
ganz kurz. Oxytocin wird in der Hirnanhangdrüse gebildet. [59] Es gilt als
Bindungs- und Treuehormon, das im Gehirn an verschiedenen Stellen ansetzt.
Zum Beispiel an der Hypothalamus-Nebennierenrinden-Achse, der Stressachse,
die dann vom Gehirn bis zur Niere geht und in der Niere das Stresshormon
Cortisol ausschüttet. Oxytocin ist in der Lage, an allen Stellgliedern
dieser Achse Stress herunter zu regulieren.
Der Mann und die Frau umarmen sich.
DANN VERLÄSST DER MANN DAS ZIMMER. Langsam, ganz langsam bewegt er sich, die Kamera in der Hand, an der
Schrankwand vorbei, er filmt das Holz, die beleuchtete Vitrine [60], zoomt auf eine Vase, dann
geht es weiter, vorbei am Fernseher, in dem gerade die aktuelle Hitparade stattfindet, hinein
in den Flur, ein langsamer Schwenk in die Küche. Die Frau mit dem blauen Blümchenkleid
wuselt ins Bild, er kommentiert, sie sei ihm nun mittenrein gelaufen in die Aufnahme. Das
Lämpchen blinkt aber rot, und jetzt wird gefilmt. Ihr wäre es lieber, er höre mal endlich auf
mit diesem Gefilme, sie mag sich sowieso nicht auf seinen Videos und möchte ihren Dialekt [61]
nicht auch noch im Fernsehen hören, später. Außerdem hätten sie schon längst los gemusst,
heute wird die Enkelin im Kindergarten eine Aufführung haben und es liegt so viel Schnee
draußen, der Weg wird länger dauern. Danke, Kamera aus. Zurück: Der Mann und die Frau
umarmen sich, dann verlässt der Mann das Zimmer. Nun komm aber, wir müssen los!
Der Mann geht zum Fenster. Er schaut. Zeit vergeht. Der Mann holt sein Handy. Das Bild im
Handy spiegelt das, was im Fenster ist. Das Fenster spiegelt das da. Der Mann wird Mensch.
Der Mensch nimmt wahr. Der Mensch geht auf. Einer, alle, ein Teil, unendliche Teile. Ein
Teil, unendliche Körper. Eigen den Allen. Hinter dem Fenster, Raum. Der Mensch ist da.
Gleißende Dunkelheit. Der Mensch ist da [62]. Verbunden, zusammen, unzertrennlich eins, ein
Mensch, ein Raum , alle Menschen, Raum, sein. Sie nehmen wahr. Sie sind. Keine Zeit. Der
Mensch, sie Alle in gleißender Dunkelheit. Wahrnehmen. Keine Struktur, Entfaltung. Keine
Form, Aufgehen. Jeder Mensch, seine Form. Keine Zuschreibung. Gemeinsam Individuum
sein. Der Mann verlässt das Zimmer. Der Mann wird Mensch. Der Mensch erinnert nicht. Er
weiß alles. Der Mensch ist da.
Jemand, der im Flur auf dem Boden sitzt [63], wird zurück von einem Raum in den anderen
gekommen sein. Sie wird darüber nachdenken, ob man ihr die Müdigkeit angemerkt haben
wird heute. Es fällt ihr schwer, sich zu konzentrieren deshalb wird sie innerlich aussteigen
und nicht mehr versuchen der Geschichte zu folgen.
Menschlicher Körper und Geist setzen sich aus unzähligen Teilen zusammen, die ihn zu
einem unverwechselbaren Individuum mit einer ihm eigenen Persönlichkeit machen. Meine
Stimme und mein Gesicht unterscheiden mich von anderen, aber mein Verstand gehört mir,
denkt sie. Das sind Erinnerungen an die Zeit als ich klein war - eine Ahnung von Zukunft. Die
riesigen Informationsmengen die ich verarbeite und die Netzwerke zu denen mein Cyberbrain
Zugang hat - dadurch entsteht auf ganz wunderbare Weise mein Ich: das Bewusstsein meiner
Persönlichkeit. Und gleichzeitig ist mir klar, dass ich mich nur innerhalb gewisser Grenzen
bewegen kann. Wenn man wie ich ein vollständiger Cyborg ist, macht man sich Gedanken
über seinen Ursprung. Vielleicht bin ich ja schon seit langem tot und meine jetzige
Persönlichkeit ist nur künstlich [64]: eine aus Cyberbrain und Cyberkörper zusammengesetzte
Scheinpersönlichkeit. Ich frage mich aber auch, ob es möglich ist, dass ich vielleicht gar nicht
von Anfang an existiert habe. Ich kenne keinen Menschen, der seine Gehirnzellen je gesehen
hat. Letztendlich definiere ich mich doch nur über meine Umwelt. Ich glaube lediglich, dass
ich existiere.
So gesehen, ist die menschliche DNS auch nicht mehr als ein sich selbst am Leben
erhaltendes Programm. Leben ist eine Art Knotenpunkt im Meer der Informationen. Eine
Spezies braucht Gene, die ihr Gedächtnissystem bilden. Auch wenn das Gedächtnis [65] nur eine
Form von Illusion ist, definiert es die Menschheit. Als Computer die Auslagerung von
Erinnerungen möglich machten, entstand ein neues Gedächtnissystem. Die Menschheit hat die
Folgen der Computerisierung unterschätzt. Beweist mir also, dass ich keine eigenständige
Lebensform bin! Ich bin an ein enormes Netzwerk angeschlossen, dessen Größe du nicht
einmal erahnen kannst. Für jemanden, der keinen Zugang dazu hat, ist es, als blicke er in die
Sonne, in eine blendende Helligkeit. Nun wird es Zeit, ein Teil des Ganzen zu werden.
Pause
Es werden im Laufe des Abends viele Personen den Raum verlassen haben. Sie
werden durch dieselben Türen den Raum wieder betreten haben, durch den sie
ihn vorher verlassen hatten. Den im Raum Verbliebenen wird ein veränderter
Gesichtsausdruck an denen aufgefallen sein, die den Raum wieder betreten
haben werden.
Nun werden wieder alle dort sein, wo der Abend eine Stunde vorher
angefangen hatte. Nun werden alle die Geschichte gemeinsam erzählen.
Personen werden auf dem Boden Farben wiedererkennen. Sie werden ihre Handys
den Farben entsprechend auf die ihnen passend erscheinende Stelle am Boden
legen. Sie werden andere Personen treffen und eine Verbindung mit diesen
erkennen. Eine Person wird sich seltsam vorkommen. Eine andere wird schnell
nach Hause wollen und nervös auf die Uhr schauen. Alle miteinander
verbundenen Personen werden gemeinsam ein Video öffnen. Das Video wird eine
Geschichte erzählen, an die alle Personen sich erinnern werden, und das
Video wird nun mehr sein als das, an das sich die Einzelnen erinnern
werden. Das Video auf dem Beamer wird jetzt nicht mehr zu sehen sein, alle sind wieder da.
Ein kurzer Griff zum Jackett, um zu überprüfen ob es richtig sitzt. Die
Schritte verlangsamen sich und die Person erreicht ihr vorläufiges Ziel.
(1) Unser Lieblingssessel!
(2) Klein? Immerhin 15qm. Fenster gen Südwest.
(3) Sie hatten den Raum tatsächlich einmal dafür ausgemessen.
(4) Irgendwo hinter der Tapete ist noch eine Schmuckkiste versteckt. Das weiß niemand.
(5) Hier hatten schon viele Menschen oft Sex, aber darüber wird nicht gesprochen.
(6) Der Stuhl ist ein Fake-Arne-Jacobsen, für den Originalstuhl hat das Geld nicht gereicht. Auf dem Nachbau bekommt sie oft Rückenschmerzen.
(7) Gestern hat sich jemand beim Betreten des Raumes vor seinem eigenen Spiegelbild erschrocken.
(8) Fenstergriff klemmt. Glaser anrufen!
(9) Gemalt wurde mit ganz viel rot und gelb und ein bisschen blau.
(10) Damals im Zimmer: Garnituren aus Massivholz, ein Fliesentisch. Darauf, ein Aschenbecher. Um ihn herum, Holzstühle.
(11) Die Lampe sollte sie an ihre gemeinsamen Jagdausflüge erinnern.
(12) Der Sesselbezug ist sehr dilettantisch genäht.
(13) Zu viele Hände hatten versucht, den Sesselbezug zu flicken.
(14) Dass die Beine des Sessels die Jahre und die vielen Bierbäuche gehalten haben!
(15) Sie wird sich später an wenig erinnern. Die Erinnerung ans Frühstück wird ihr Mittags Kopfzerbrechen bereiten.
(16) Erst nach seinem Tod ruft sie die Mailbox ab. Sie hört, was sie ihm noch aus dem Supermarkt mitbringen soll.
(17) Anton ist während der Beerdigung ein Maikäfer in den Kragen geflogen.
(18) Oma Ruth hatte vergessen, die Lockenwickler aus dem Haar zu nehmen.
(19) Harald überlegt derweil, was er alles mit dem Erbe anfangen kann.
(20) Beim Trödel wird der Sessel für 120 € verkauft.
(21) Tante Else war für ihre Buttercrémetorte berüchtigt. Nicht einmal ihr Mann konnte mehr als ein ganzes Stück davon essen.
(22) Sieben Herrengedecke, dazu Likör. Zwei Flaschen Tequila - danach nie wieder.
(23) Mit einem Snowboarder kollidiert, Schädeltrauma, Beinbruch und Schlüsselbeinbruch.
(24) Firma musste Konkurs anmelden
(25) Steht man näher an der Scheibe, sind die Atem- und Fingerspuren der Vormieter zu sehen. - Putzt hier überhaupt jemand?
(26) Ob U-Bahnen wirklich wie Schmelzkäse aussehen, wurde während der gesamten Vorbereitung kontrovers diskutiert. / Der Autor ist seit einiger Zeit Veganer und leidet unter Käseentzug.
(27) Es war kein Busch, gegen den er urinierte, sondern eine Tanne. /Eigentlich urinierte er gegen eine Birke
(28) Würste? Ich dachte Schmelzkäse..!?
(29) Der große Bruder misst 1,63m, das Mädchen 1,82m. Der mittlere Bruder 1,79m
(30) Der Mann und die Frau im Zimmer sind Bruder und Schwester. /Der Mann und die Frau im Zimmer waren mal verheiratet. / Der Mann und die Frau im Zimmer sind Komplizen in einer Bande. / Der Mann und die Frau im Zimmer sind befreundet. / Der Mann und die Frau im Zimmer kennen sich gar nicht.
(31) Ja genau, warum schon wieder Helgoland?
(32) Für Elise, a-Moll.
(33) Kiefernadeln übersähen den Boden. / Es duftet nach Harz. / Eine Mücke verirrt sich ins linke Nasenloch. / Vom Waldboden fand er später viel zu viel in seinen Schuhen.
(34) In Deutschland gibt es drei Waldarten: Nadelwald, Laubwald, Mischwald. / Ein Nadelwald besteht aus Kiefern, Fichten, Lärchen und Tannen. / Ein Mischwald beherbergt sowohl Nadel- wie Laubbaumarten. / Auf einem Quadratmeter Waldboden leben mehr Tiere, als Menschen auf der Erde
(35) Die Stimme des Navis eine sächsisch sprechende Frau.
(36) Die Kiste war leer.
(37) Schwarzwälder Kirschtorte, Marmorkuchen, Sahne, Kekse, kaum Platz für Teller und Tassen.
(38) Neues Modell, Sony. 15x Zoom, Drei-Chip-Technologie, PAL und NTSC, Kassette, per Kabel mit dem TV-Gerät zu verbinden.
(39) Der Pudel schnappte auch nach Händen von Postboten, Handelsvertretern und Schornsteinfegern.
(40) Daniel heißt wirklich Daniel. Er teilt seinen Vornamen mit vielen weiteren Daniels, trotzdem nennen wir ihn heute Daniel.
(41) Malins Eltern haben es ihm geliehen.
(42) Wer noch alte Videos hat, die er nicht mehr braucht, bitte bei Daniel abgeben!
(43) Bei der Hochzeit wurde aus Rücksicht auf die Tauben darauf verzichtet, Reis zu werfen.
(44) Busline 368 von Herne nach Bochum. Über Wanne-Eickel Hbf. Abfahrt Wochentags ab 9:25, halbstündig.
(45) Enzian blüht blau, nimmt danach jedoch oft eine gräuliche Färbung an.
(46) Alle Wege führen nach Wanne-Eickel. / Was soll der Rummel um Wanne-Eickel?
(47) Sie hat soeben einen Schwangerschaftstest gemacht. Sicherheit wird ab der kommenden Woche herrschen.
(48) Go fork yourself? / Seit zwei Wochen hat sie das OpenSource-Programm gitHub für sich entdeckt und ist begeistert.
(49) Alles da, alles möglich, nichts neues bauen, sondern darauf steigen, was da ist und abspringen.
(50) Eine Spende von nur 5€ pro User könnte Wikipedia unabhängig machen.
(51) Das Ende des Regenbogens wird gemeinhin mit Töpfen voll Gold assoziiert.
(52) https://www.youtube.com/watch?v=N1n1vDDqHuw
(53) Zu diesem Text haben fünf Personen beigetragen: Mirjam, Alex, Frederik, Jonas und Malin.
(54) Wenn es im Schwimmbad nach Chlor riecht, riecht es eigentlich nicht nach Chlor...
(55) 26,8 Kilowattstunden erfordern weit über 150.000 Umdrehungen eines handelsüblichen Hamsterrades
(56) Nur eine Zigarette im Jahr reicht aus, um das Suchtpotential aufrecht zu erhalten.
(57) Ist hier irgendetwas NICHT aus dem Internet kopiert?
(58) Studien zeigen, dass die Ergebnisse von Studien oft überbewertet werden.
(59) Studien zeigen, dass die Ergebnisse von Studien oft überbewertet werden.
(60) Ohne Likörgläser ist eine Vitrine keine vollständige Vitrine
(61) Säggsisch is äinor deor schrifdlisch am schweorsten dorzüstellnden Dioleggde.
(62) Die Vorleserin wird vielleicht bald schon Pastorin sein. Wirklich!
(63) Sprachen, die die Menschen hier im Raum sprechen können: russisch, türkisch, englisch, französisch, spanisch, italienisch, polnisch, schwedisch, portugiesisch, deutsch, österreichisch, walisisch, arabisch.
(64) ERR017: BUFFER OVERFLOW // Please reboot safely. All progress will be lost
(65) Mein Gedächtnis trage ich in meiner Hosentasche. Jetzt halte ich es in der Hand.
[52] https://www.youtube.com/watch?v=N1n1vDDqHuw