Ärger Scham Tanz

stefaneidelloth edited this page Nov 26, 2017 · 4 revisions

Ärger können wir als eine Kombination aus unerfüllten Bedürfnissen und sollte/müsste-Gedanken verstehen. Ärger ist ein Sekundärgefühl. Es ist so stark dass zunächst keine anderen Gefühle wahrgenommen werden, da diese verdeckt sind. Bei Kontakt zu einer tieferen Ebene wandelt sich Ärger in Primärgefühle um.

Während Ärger und Wut meistens nach außen gerichtet sind, richten sich Schuld, Scham und Depression nach innen. Alle Sekundärgefühle haben gemeinsam dass sie meist mit sollte/müsste Gedanken verknüpft sind:

Unerfülltes Bedürfnis => sollte/müsste Gedanke => Sekundärgefühl

anstatt von

Unerfülltes Bedürfnis => Primärgefühl

Sollte/müsste-Gedanken sind super super schnell und uns selten zur Gänze bewusst. Ärger kann auch manchmal ziemlich nervig sein. Wenn ich im Ärger bin kann ich meinem Gegenüber keine Empathie geben, was dann in einer Beziehung wiederum zu noch mehr Ärger führen kann.

Positiv gesehen können wir uns bei Ärger freuen dass es wieder etwas spannendes zu tun gibt: Hurra, ich hab wieder ein GFK-Übungsbeispiel. Ärger ist ein wertvolles Werkzeug um mit unerfüllten Bedürfnissen in Kontakt zu kommen und schließlich konstruktive Strategien entwickeln zu können.

1. Bewertungen und Beschuldigungen möglichst unzensiert (laut) aussprechen oder aufschreiben

2. Aufs obere (Ärger/außen) oder untere (Scham/unten) Feld gehen und kurz still sein, den Knoten im Körper spüren. Wo sitzt der Ärger?

3. Aus der Wolfsshow folgen sollte/müsste Gedanken und daraus Bedürfnisse. Auf dem Bedürfnisfeld mit dem Bedürfnis in Verbindung kommen.

4. Wie würde es sich anfühlen wenn das Bedürfnis erfüllt wäre? => Zwischen Beürfnis-und Gefühlsfeld hin und her wechseln.

5. Danach auf einer der roten Karten testen ob die Körperspannung noch vorhanden ist/sich verändert hat.

6. Wiederholen bis Knoten gelöst ist. Eventuell zwischendurch auf die Wolfsshow-Karte gehen.

7. Nachdem der Knoten gelöst ist im Wechsel auf Bedürfnis- und Gefühlsfeld die Bitte vorbereiten: "Wie fühlt es sich an wenn das wichtige Bedürfnis nicht erfüllt wird und wie könnte mein Leben bereichert werden?"

8. Was will ich tun, was ist meine Bitte an mich selbst?


Hier noch ein paar zusätzliche Gedanken von einer lieben Freundin zu diesem Tanz:

Ärger hilft mir zu erkennen dass es mindestens ein unerfülltes Bedürfnis gibt und dass ich jemand anderen die Schuld dafür gebe. Das scheint banal zu sein, aber gerade der zweite Teil ... also nicht nur "Ich ärgere mich" sondern ... "Ich schiebe gerade die Schuld an jemand anderen"... war ein "Ah ja!"-Erlebnis.

Der Ablauf bei der Entstehung eines Sekundärgefühls:

1. Es geschieht etwas, ich nehme etwas war.
2. Ein Bedürfnis von mir ist nicht erfüllt.
3. Ein Primärgefühl entsteht, welches ich nicht fühlen will oder kann.
4. Ich fälle ein moralisches Urteil, also er/sie hat Unrecht, tut etwas falsch, ist böse.
5. Ich ärgere mich über die andere Person weil sie moralisch gesehen im Unrecht ist.

Dabei nehmen wir oft die Schritte 2. bis 3. (oder gar 4.) überhaupt nicht wahr. Das passiert blitzschnell und irgendwo in der Tiefe. Der 1. Schritt wird durch 4. und 5. schon verzerrt erinnert. Manchmal wird 1. noch ein wenig angepasst oder aufgeblasen, damit es ja groß und falsch genug ist um meinen Ärger zu rechtfertigen.

Der 3. Schritt geschieht wenn die Primärgefühle zu sehr weh tun oder nicht zu unserem Selbstbild passen. Der Schutz des eigenen Selbstwertes ist ein ganz großes Bedürfnis, das sehr schnell ist und sehr laut schreien kann. Siehe dazu auch das Modell des inneren Bedürfnis-Ministers.

Zu 4.: Ein Ziel des Ärger/Scham Tanzes ist es, vom moralischen Urteil zum Werturteil zu finden:

"So ist das, das ist richtig, das falsch." => "Mir ist xy total wichtig."

Das bedeutet z. B. zu erkennen "Mir ist Pünktlichkeit ein hoher Wert, und pünktlich zu sein bedeutet für mich 5...10 min vor der vereinbarten Zeit vor Ort zu sein". Vielleicht erkenne ich zusätzlich dass ich auf alle die etwas später kommen allergisch reagiere ... weil mich ein ehemaliger Partner grundsätzlich immer 10 Minuten hat warten lassen. Danach wird es leichter fallen, das Thema Pünktlichkeit in Form einer Bitte zu präsentieren und so anderen Menschen die Möglichkeit zu geben zu meinem Leben beizutragen. Das wird dann bestimmt lieber erledigt, als hingeknallt zu bekommen, daß man gefälligst 5...10 Minuten vor der Zeit da zu sein habe, weil das einfach höflich sei, Punkt!

Um das moralische Urteil fallenlassen zu können ist zuerst nötig das Bedürfnis zu finden, sprich den Ärger anzuwenden.

Der Zweck der Wolfsshow ist nicht primär, Dampf abzulassen. Sie dient vielmehr der Frage worum es mir geht. Deshalb die Wolfsshow möglichst in einer Gruppe ablaufen lassen oder schriftlich durchführen. Dabei viele Eigenschaftsworte verwenden weil sie die besten Hinweise auf Bedürfnisse geben. Wenn ich schimpfe "Das ist so ein A...loch", dann hilft mir das wenig. Wenn ich aber schimpfe "Das ist so ein rücksichtsloses und lautes A....loch", dann kann ich aus "rücksichtslos" auf das Bedürfnis Rücksichtnahme und aus "laut" auf mein Bedürfnis nach Ruhe schließen.

Und wie geht es mir jetzt, wenn ich erkenne, daß ich Ruhe brauche? Ich bin enttäuscht (Primärgefühl), weil ich schon seit 2 Stunden voller Vorfreude an das Dinner bei Kerzenschein gedacht habe und jetzt nicht sehe, wie ich zur Ruhe kommen soll.

Unsere Gefühle dienen letztlich dem Zweck ins Handeln zu kommen, damit möglichst alle unsere Bedürfnisse erfüllt sind. Sprich gutes Gefühl = sorge bitte für mehr davon, schlechtes Gefühl = sorge dafür, daß das nicht mehr passiert. Gefühle sind also Handlungsanweisungen für uns, weil es unsere Aufgabe ist, uns um die Erfüllung unserer Bedürfnisse zu kümmern.

Der Ärgerprozeß ist erst abgeschlossen, wenn wir uns entscheiden, was wir mit den gewonnenen Erkenntnissen über unsere Bedürfnisse tun: Ich spreche Person x mit einer konkreten Bitte an, was er/sie tun könnte, um zur Erfüllung meines Bedürfnisses beizutragen. Oder: Ich kümmere mich woanders um die Erfüllung meines Bedürfnisses. Oder: Ich entscheide mich jetzt, daß ich nichts tue.

Letzteres ist eine mögliche Bitte an mich, die z. B. bedeutet: "Person x darauf anzusprechen ist mir zu schwierig, weil das an einer ganz verwundbaren Stelle von mir rührt". Ich akzeptiere diese Entscheidung nichts zu tun, weil ich sie in vollem Bewußtsein treffe. Wenn die Entscheidung "nichts zu tun" allerdings nach jedem Ärgerprozeß gewählt wird, dann würde ich schauen welches Bedürfnis dahinter steckt und ob mir das langfristig dient.

Erst dort, wo ich mich eben traue, mich auch um die Erfüllung all dieser tollen, gefundenen Bedürfnisse zu kümmern, wird dieser Tanz wirklich wertvoll.


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