Autogene Hemmung

stefaneidelloth edited this page Jan 2, 2019 · 13 revisions

Jetzt stellen wir uns vor, dass jemand einen richtig schweren Stapel Bücher auf deine Hand legt. Die Bizeps-Sehne gelangt an ihre Belastungsgrenze und eine starke Aktivität des Golgi-Sehnenorgans wird ans α-Neuron gemeldet. Das Ausgangssignal des Golgi-Sehnenorgans ist über das α-Neuron so verschaltet, dass die Kontraktion gehemmt wird.

Wenn sowohl die Muskelspindeln als auch die Golgi-Sehnenorgane aktiviert bleiben, setzt sich nach etwa 6 Sekunden das Signal der Golgi-Sehnenorgange durch. Du hast einige Sekunden Zeit, den Stabel Bücher abzustellen. Das Signal der Golgi-Sehnenorgane schützt dann deine Muskulatur vor Überlastung. Die Muskulatur kann nicht länger kontrahieren und du kannst die Bücher nicht mehr halten: sie fallen dir auf die Füße.

Neben der Bezeichnung "Autogene Hemmung" werden auch noch folgende Begriffe in dem Zusammenhang verwendet: "Inverser Dehnungsreflex", "inverse myotatic reflex", autogenic inhibition reflex", "autogenetic inhibition", Sehnenreflex.

In frühen Studien wurde angenommen, dass Golgi-Sehnenorgane nur bei hoher Belastung aktiviert werden. Inzwischen geht man davon aus, dass die Signale der Golgi-Sehnenorgane auch schon bei normalen Bewegungen involviert sind. Sie könnten z.B. für die gleichmäßige Verteilung der Belastung über mehrere Muskelfasern hinweg von Bedeutung sein, so dass alle "Motoreinheiten" effizient arbeiten können. Wenn einige Muskelfasern mehr Last übernehmen, werden ihre Golgi-Sehnenorgane aktiver sein. Das hemmt die Kontraktion dieser Muskelfasern. Als Ergebnis werden sich weniger aktive Muskelfasern mehr anstrengen müssen, um die Flaute in den Griff zu bekommen. So wird die Last effizienter verteilt.

Quelle: https://nba.uth.tmc.edu/neuroscience/s3/chapter02.html/#autogenic%20inhibition

Freiwald, "Optimales Dehnen", 2013

In biomechanischen Extrempositionen...kann die zu dehnende Muskulatur gehemmt werden.
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Die vielfach postulierte Schutzwirkung der Golgi-Rezeptoren kann, wenn überhaupt, nur bei langsamem Aufbau von Dehunungsspannung im Muskel-Sehnensystem funktionieren. Für einen wirksamen Schutz unter funktionellen Bedingungen im Alltag und Sport sind die Nervenleitgewschwindigkeiten zu langsam und die Latenzzeiten zu lange- der Schaden an der Muskel-Sehneneinheit oder den Gelenken wäre schon längst eingetreten bevor die schützende Hemmung greifen würde.
...
Es ist auch bekannt, dass die Golgi-Afferenzen vom zentralen Nervensystem sowohl hemmend als auch fördernd verschaltet werden können. Entscheidend für die zentralnervöse Verschaltung sind die Wahrnehmung der aktuellen Situation und die Erwartungen an künfige Situationen.

Freiwald erwähnt als Beispiel, dass bei einem Sprint die Golgi-Sehnenorgane zwar stark erregt werden, es aber trotzdem zu keiner Hemmung kommt. Die Ausgangssignale der Golgi-Sehnenorgane werden laut Freiwald sogar fördernd im Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus verschaltet. Das liegt daran, dass die Erwartungen des Ahtleten mit den erhaltenen Signalen übereinstimmen. Wenn der Athlet später beim Auslaufen unerwartet in ein Loch tritt, werden typische Schutzreflexe ausgelöst. In der unvorhergesehenen Situation gibt es eine Differenz zwischen den erwarteten und den tatsächlichen Signalen.

Merke: Eine unerwartete Erregung der Golgi-Sehnenorgane kann hemmend wirken und führt dann tendenziell zum (plötzlichen) Nachlassen der Muskelspannung.

Bisher haben wir die Streckmuskulatur völlig vernachlässigt und die Regulation der Muskelspannung ist durch zusätzliche Effekte in der Realität noch "etwas komplexer...". Siehe dazu Muskelpaar.


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