Beeinflussung angespannter Muskulatur

stefaneidelloth edited this page Jan 6, 2019 · 34 revisions

Table of Contents

Generelle Hinweise

Laut Hoffa, Gocht, Storck, Lüdke, "Technik der Massage", wird durch Massage eines Muskels meistens automatisch eine ausgleichende Wirkung erzielt. Bei Massage eines Muskels mit erhöhtem Tonus wird der Tonus herabgesetzt.

Allerdings wären die Methoden, die zur Steigurung des Muskeltonus eingesetzt werden, bestimmt kontraproduktiv. Der schlimmste Fall wäre vielleicht, einen kalten Muskel bei den ersten Massagegriffen mit kräftiger Dehnung in Form von massiver Knetung oder Schlägen zu überfallen. Schon über die Sensibilität der Haut würde sich eher eine Abwehrspannung anstatt der gewünschten Entspannung einstellen.

Laut Kolster wirkt Massage im Bereich der Brustwirbelsäule belebend und regt das vegetative Nervensystem besonders an. Demnach sollte man eine Entspannungsmassage nicht im Brustwirbelsäulenbereich beginnen:

Kolster, "Massage", 2006

Die Wirkung auf den Sympathikus ist bei Massage direkt in dessen Ursprungsgebiet, also im BWS-Bereich, besonders stark. Deshalb sollte man mit der Massage immer zuerst an einer anderen Stelle beginnen und sich dann langsam an diese Bereiche herantasten.

Er weist auch darauf hin, dass der Muskeltonus u. a. über die Muskelspindeln und über Schmerzhemmung beeinflusst werden kann:

Kolster, "Massage", 2006

Das Senken des Tonus ist möglich durch rhythmische Dehnung der Muskelspindeln oder rhythmische Kompression. Des Weiteren trägt die Schmerzhemmung durch Massage zu einer Muskeltonussenkung bei. Über die Wirkung auf das limbische System und die Formatio reticularis setzt ein Gefühlt der Entspannung ein.

Reize aus erkrankten Stellen des Körpers (z. B. Gelenk mit Arthrose) können Signale an γ-Neuronen nicht nur hemmen sondern manchmal auch verstärken. Die Signale wirken so, dass sie insgesamt Bewegungsmuster hemmen, die zu einer erhöhten Belasung führen würden. Bei einer Hüftarthrose steigt etwa die Spannung der Muskeln, die nach innen drehen, und es sinkt die Spannung der Muskeln, die nach außen drehen.

Massage führt zu einer Mehrdurchblutung, die die Erregbarkeit senkt. Dadurch nehmen die Signale an die γ-Neuronen und der Sollwert für die Muskelspindeln ab. Über den reduzierten Eigenreflex sinkt die Muskelspannung.

Vibration eines Muskels erweitert die Kapillaren und kann so auch zu einer verbesserten Durchblutung und einem geringeren Sollwert führen. Vibration der Haut kann über den Hautfremdreflex eventuell auch beim Entspannen helfen. Laut Kolster sollte bei der Vibrationsmassage darauf geachtet werden, dass die Frequenz variiert. Bei konstanter Frequenz adaptieren manche Sensoren relativ schnell, womit auch die schmerzhemmende Wirkung bald wieder nachlässt.

Eine Beeinflussung über den Eigenreflex kann nur gut funktionieren, wenn sich die Muskelspindeln innerhalb ihres Messbereiches befinden. In dauerhaft angespannter Muskulatur könnten sie allderings bereits aus ihrem Messbereich gelangt sein. Die Muskelspannung kann dann vermutlich nicht mehr durch sanfte rhythmische Dehnungen der Muskelspindeln oder durch Mehrdurchblutung beeinflusst werden, da der Eigenreflex nicht mehr funktioniert.

A. Eine Dauerkontraktion eines Muskels kann zur Verkürzung und Verdickung von Muskelfasern und einer erhöhten Grundspannung in Form eines Hartspanns führen. Wir stellen uns vor, dass das α-Neuron feuert, obwohl es kaum Signale von der Muskelspindel erhält. Die Muskelfasern kontrahieren sehr häufig und die eingebetteten Muskelspindeln befinden sich in Dauerkontraktion, sind zusammengezogen, entdehnt. Schließlich geben die Muskelspindeln vermutlich gar keine Signale mehr ab und können ihre Aufgabe bei der Spannungsregulation nicht mehr erfüllen. Die Muskelspindeln befinden sich sozusagen außerhalb ihres Messbereiches. Der Eigenreflex funktioniert nicht mehr, da die laschen Muskelspindeln nicht richtig reagieren und zu wenige Signale abgeben. Dieses Szenario wird von Muschinsky in "Massagelehre in Theorie und Praxis" beschrieben.

B. In einem anderen Szenario ist der Sollwert der γ-Neuronen (auch ohne Willkürbewegung) zu hoch. Die äußeren Bereiche der Muskelspindeln befinden sich in maximaler Kontraktion, sind quasi verkrampft. Der innere Bereich ist stark gedehnt und verursacht hochfrequente Signale ans α-Neuron. So wird der gewünschte Messbereich auch verlassen. Der Eigenreflex funktioniert nicht mehr richtig, da die verkrammpften Muskelspindeln nicht mehr richtig reagieren und zu viele Signale abgeben. Um den Muskeltonus (zumindest temporär) zu senken, müssen sich entweder die Eingangssignale der γ-Neuronen oder die Ausgangssignale der Muskelspindeln verändern. Dieses Szenario wird in Hoffa, Gocht, Storck, Lüdke, "Technik der Massage" beschrieben.

In beiden Szenarien wäre eine mögliche, teilweise Erklärung für die Wirkung der Massage, dass passive Dehnung die Kontraktion der Muskelspindeln durchbricht. Der innere Bereich der Muskelspindeln ist danach nicht mehr entdehnt bzw. nicht mehr überdehnt. Die Eingangssignale der α-Neuronen werden verändert und die Muskelspannung lässt plötzlich nach. Es ist auch vorstellbar, dass rhythmische Impulse den Muskelspindeln dabei helfen könnten, wieder in ihren normalen Messbereich zu springen.

Eine plötzliche Veränderung der Muskelspannung lässt sich bei einem Wadenkrampf beobachten. Der Krampf wird durch Dehnung plötzlich aufgelöst. Damit verschwindet wohl auch eine vorherige Hemmung von Willkürbewegungen.

Bei einem Muskelkrampf kann die Muskulatur zunächst in Entspannungs- und Dehnlage gebracht werden, also in Schonstellung. Dann wird sie mit Eis versorgt und vorsichtig in der Gegenrichtung des Krampfes passiv gedehnt. Durch die Autogene Hemmung lässt die Muskelkontraktion nach. Weiche Knetungen und Schüttelungen werden angeschlossen, um die Regulation der Muskelspannung zu aktivieren.

Ablauf zum Senken der Muskelspannung

Volgendes Vorgehen ist angelehnt an die Beschreibungen von Muschinsky, "Massagelehre in Theorie und Praxis" und Hoffa, Gocht, Storck, Lüdke, "Technik der Massage". Ich habe es mit einigen Hinweisen ergänzt und je nach Ausrichtung der Session sind einige Phasen optional.

Entlastung und Ausrichtung

Der Körper versucht sich gegenüber der Schwerkraft zu behaupten und nutzt dafür Muskelspannung: "weight creates tension" (Prinzip der Halliwack-Methode). Stell dir vor du, liegst mit den Ohren unter Wasser in der Badewanne und hebst dann deinen Kopf aus dem Wasser. Die unterstützende Wirkung der Auftriebskraft fällt weg. Nicht nur wegen der Bewegung sondern auch wegen der Schwerkraft spannt sich die Halsmuskulatur an. Nicht jeder hat die Möglichkeit ins All zu reisen um den Muskeltonus zu senken. Ein Besuch im Schwimmbad oder ein Wohlfühlabend in der Badewanne ist bei den meisten schon eher drin.

Wenn du einen Muskel entspannen möchtest, dann versuche ihn zu entlasten und bestmöglich zu lagern. Aus dieser Idee wurden sogar ganze Methode entwickelt, siehe z. B. Positional Release und Spontaneous Muscle Release Technique.

Die Schwerkraft bietet dem Körper eine Art roter Faden oder Hauptthema, an dem er sich ausrichten kann. Daher kann es manchmal sinnvoll sein, Körperarbeit in aufrechter Haltung auszuüben. Stelle dir vor, du stehst mit geschlossenen Augen in einer etwas krummen Körperhaltung. Dein Kopf ist leicht nach vorne gebeugt, aber du merkst es nicht. Jemand klopft mit einem Finger leicht an deine Stirn. Durch diesen einladenden Impuls realisiert der Körper vielleicht, dass er sich besser zur Schwerkraft ausrichten kann. Du richtest den Kopf aus und spürst dabei eine Entspannung.

Neben der Schwerkraft kann vielleicht auch eine Bewegung in eine gezielte Richtung (z. B. beim Schwimmen in horizontaler Lage nach vorne) oder ein sich wiederholentes Bewegungsmuster dem Körper eine Orientierung geben um sich neu auszurichten.

Ausstreichungen

Manchmal sind schon der Hautfremdreflex und die beruhigende Wirkung von Berührung genug, um verspannte Muskulatur positiv zu beeinflussen. Das Ausstreichen ist bei hoher Muskelspannung besonders wichtig. Die Bindegewebsmassage macht sich den Hautfremdreflex auch gezielt zunutze. Wenn du zu Beginn der Massage das Ausstreichen ernst genug nimmst, werden gegen Ende der Massage intensivere Knetgriffe zur Anregung der Blutzirkulation und der Muskelspindeln besser toleriert.

Ich schätze, dass bei Ausstreichungen mit großflächigem Kontakt (z. B. bei ForearmDance und LomiLomi) der Hautfremdreflex besser genutzt werden kann als bei Ausstreichungen mit kleiner Kontaktfläche. Formen von Körperarbeit in warmen Wasser, bei denen das Wasser großflächig und sanft an der Haut entlang fließt (z. B. HealingDance) nutzen den entspannenden Effekt des Hautfremdreflexes vermutlich bestmöglich aus.

Muskelansätze und Sehnen

Mit sanfter Dehnung oder Vibration an Muskelansätzen und Sehnen versuchst du die Kontraktion von verspannten Muskeln zu hemmen. Vermutlich beruht die Wirkung der Massage an Muskelansätzen und Sehnen auf neuronalen Effekten. Dein Ziel ist hier, möglicherweise übersteigerte Signale der α-Neuronen zu hemmen. Als Erklärungsmodell kommen u. a. die Effekte der Autogenen Hemmung, Reziproken Hemmung und/oder Sukzessive Induktion in Frage. Siehe auch Kleine Regelkreise, Golgi Release, Primal Reflex Release Technique und Kombinierte Techniken.

Oberflächliche Muskulatur

Durch Ausstreichung, weiche Muskeldehnung/knetung und Vibrationen versuchst du das vegetative Nervensystem weiter herunterzufahren. Du steigerst die Durchblutung und versuchst über Hemmung der α- und γ-Neuronen ein weiteres Nachlassen der Muskelspannung herbeizuführen (siehe auch Vagotonie). Du bereitest die Muskulatur darauf vor tiefer bearbeitet zu werden.

Spindelarbeit

Rhythmische Dehnung und Kompression der Muskelspindeln durch dosiert verstärkte Handgriffe (z. B. Fingerspitzenknetung und Klopfen). Dadurch Wiederaufnahme der Eigenregulation der Muskelspannung.

Die Dosierung der Knetungen (Petrissage) ist sowohl während einer einzelnen Massage als auch während einer Folge von Massagen zu variieren und langsam zu steigern. Manchmal kommt es nach der dritten oder vierten Massage zu einer Schmerzreaktion, die durchaus erwünscht sein kann, dem sogenannten Wohlweh. Unbedingt zu vermeiden sind jedoch Dauerschmerzen während einer Massage.

Bei einem Muskelpaar (oder gegensätzlich arbeitenden Muskelgruppen) wir manchmal die eine Hälfte verspannt und die andere Hälfte schlaff sein. Entsprechend werden sich die Handgriffe an den Gegebenheiten unterschiedlicher Körperbereiche anpassen. Siehe auch Beeinflussung schlaffer Muskulatur.

Prozessarbeit

Nach dem Motto "your issues life in the tissues" kann angespannte Muskulatur manchmal über Prozessarbeit beeinflusst werden. Umgekehrt kann die Veränderung der Muskelspannung während Körperarbeit auch innere Prozesse in Gang bringen. Je nachdem, welchen Hintergrund du hast, kannst du dafür in Vor- und Nachgesprächen einer Session oder sogar bei einem Plausch während der Massage Raum geben: "Manchmal ist auch Reden wichtig". Siehe auch GFK.


Clone this wiki locally
You can’t perform that action at this time.
You signed in with another tab or window. Reload to refresh your session. You signed out in another tab or window. Reload to refresh your session.
Press h to open a hovercard with more details.