TCM Modellbildung

stefaneidelloth edited this page Dec 2, 2017 · 6 revisions

Hier geht es darum wie die Modelle der Traditionallen chinesischen Medizin entstanden sind, was man von ihnen erwarten kann und wie sie einsortiert werden können. Als Quelle für folgenden Beschreibungen diente vor allem Das große Buch der chinesischen Medizin, Ted J. Kaptchuk, 2010.

Table of Contents

Behandlungsablauf in der TCM

Bei der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) steht der Arzt vor der Herausforderung, das vorliegende "Disharmoniemuster" eines Patienten zu erkennen: Alle relevanten Informationen, einschließlich der Symptome und generellen Charakteristika des Patienten, werden gesammelt und zusammengewoben, bis das, was die Chinesen ein „Muster der Disharmonie“ nennen, erkennbar wird.

Überlegungen bestehen dabei zum Beispiel darin, ob ein Symptom einen Yin-Aspekt innerhalb einer Yang-Konfiguration darstellt, ein "trügerisches" Zeichen ist, oder ob es vielleicht als Teil eines zweitrangigen Musters besteht, welches zum vorrangigen Muster keinen Bezug hat.

Mit fast unglaublicher Widerborstigkeit fallen die wirklichen menschlichen Erkrankungen immer gerade in die von Mustern und Worten nicht abgedeckten Zwischenräume. Die chinesische Medizin hat ihre eigenen blinden Flecke, weil sie nur äußerliche Zeichen sammelt, um eine Gesamtform wahrzunehmen.

Nachdem das Disharmoniemuster identifiziert wurde ordnet der Arzt dem Muster eine Therapie zu. Dafür hat er eine Auswahl an etwa 500 klassischen Mitteln. Diese Verordnungen schlägt er in den großen klinischen Handbüchern nach, die neben den amtlichen Arzneimittelbüchern existieren. So ist der Arzt mit Wissen ausgestattet, das über viele Jahrhunderte medizinischer Geschichte entstanden ist.

Da der Körper eines jeden Patienten spezifisch ist, beginnt der Arzt mit einem generellen Rezept, das sich auf die klassischen Texte stützt, und schneidet die Mixtur dann auf den jeweiligen Patienten zu, indem er verschiedene Kräuter heraus oder dazu nimmt beziehungsweise die Dosis der Substanzen verändert.

Die Therapie dient dem Patienten auf zweifache Art: sie bringt seine Disharmonie zum Ausdruck und versucht, sie zu heilen.

Wenn es gut läuft heilt die Therapie schließlich den Patienten, stellt das "harmonische Gleichgewicht" wieder her. Für eine wirksame Behandlung braucht es im Prinzip nur diese drei Schritte:

  • Mustererkennung
  • Therapiezuordung
  • Therapieausführung
Dabei spielt es in der TCM kaum eine Rolle, wieso die Therapie wirkt oder welche "inneren Rädchen sich im Patienten drehen." Die Bedeutung der Modelle der TCM liegt vor allem im Lenken der Wahrnehmung des Arztes und der schnellen Auffinden der Disharmoniemuster.

Rolle der TCM Modelle

Die Modelle der TCM liefern keine quantitativen Aussagen und sind in ihren Anwendungsgebieten häufig stark eingeschränkt. Sie sind eher als Merkhilfen/Eselsbrücken/Assoziations-Sammlungen aufzufassen als Modelle im Sinne der Physik.

Den kaiserlichen medizinischen Gelehrten war durchaus bewusst, dass die Leitbahnen und die meisten anderen Bestandteile ihres medizinischen Systems bei einer Sezierung und Untersuchung des Körpers nicht zum Vorschein kommen.

Dennoch sind die Modelle wertvolle Hilfsmittel. Auch "falsche" Modelle können einen Wert besitzen wenn sie Jahrhunderte lang angewendet wurden. Die Erfahrungen mit den Modellen, ihre Ausnahmen, Erweiterungen zur Verbesserung usw. sind sehr detailliert dokumentiert.

Der Wert der chinesischen Theorie liegt in ihrer Organisation der Beobachtung, dem Herausarbeiten von Mustern, dem Aufdecken von Beziehungen und Qualitäten des Seins.

Kann man eine poetische Vorstellung beweisen? Man kann sie teilen, sie benutzen. Man kann entscheiden, ob man sich damit beschäftigen mag.

Die westliche Medizin sucht hinter Symptomen nach einem pathologischen Mechanismus. Dafür benötigt sie eine Theorie, die über die Arzt-Patient-Situation hinausgeht und auf zusätzliches Wissen zurückgreift.

Der chinesische Arzt hingegen schaut selten weiter als bis zum Patienten selbst. Das Modell ist lediglich zur Führung der Wahrnehmung notwendig.

Das wichtigste Buch der TCM ist das "Nei Jing". Alle späteren Beiträge können als Kommentare und Ergänzungen zu diesem Werk betrachtet werden. Das Nei Jing ist mit seiner archaischen Sprache oft unklar und widersprüchlich. Ohne die Kommentare und Modifikationen späterer Zeitalter würde das Nei Jing heute fast unverständlich sein.

Manche Menschen bewerten das traditionelle chinesische System wegen seines Alters oder aufgrund seines spirituellen und ganzheitlichen Charakters als "wahrer". Mit dieser Einstellung läuft man jedoch Gefahr, aus einem rationalen Wissenskomplex ein religiöses Glaubenssystem zu machen.

Die Menschen haben der Medizin schon immer übertriebene Erwartungen entgegengebracht - und auf den chinesischen Arzt können nur allzu leicht jene ihre Hoffnungen projizieren, die sich ein Allheilmittel, ein unfehlbares Elixier, einen geheimnisumwitterten Zaubertrank erhoffen, den das medizinische Establishment entweder nicht kennt oder den es zu unterdrücken sich verschworen hat.

Vollständig und in sich geschlossen, ist die chinesische Medizin unfähig, sich etwas anzueignen, das ihren fundamentalen Schlussfolgerungen nicht entspricht. Neue Ideen und Substanzen können identifiziert und sogar zu einem gewissen Grad aufgenommen, die fundamentale Matrix aber niemals erweitert oder verändert werden. Also ist Vitamin B12 sehr Yang, Penicillin ist sehr Yin – aber es gibt eben nichts, das über Yin und Yang hinausgeht.

Westliche Wissenschaft steht – im Gegensatz zum traditionellen chinesischen Denken – dem Neuen notwendigerweise aufgeschlossen gegenüber.

Wandlungsphasen

You Zen (ca. 350-270 v. Chr.) und seine Schüler systematisierten als erste die Fünf-Phasen-Theorie, die ursprünglich vor allem auf politische wie auf wissenschaftliche Phänomene angewandt wurde.

Die Fünf-Phasen-Theorie unterlag auch nach ihrem Eingang in die chinesische Medizin fortwährenden Veränderungen, und erst ab der Song Dynastiewurden die Beziehungen zwischen den Phasen dazu genutzt, Krankheitsätiologie und -prozesse zu erklären.

Seit sie ins Leben gerufen wurde, war die Fünf-Phasen-Theorie Gegenstand der Kritik. Die Infragestellung geht bis auf die mohistischen Zeitgenossen Zou Yens (viertes Jahrhundert vor Christus) zurück. Die Hauptschwierigkeit der Anwendung der Fünf-Phasen-Theorie in der Medizin liegt in ihrem Mangel an Folgerichtigkeit.

Trotz der scheinbar erfolgreichen Verbindung von Fünf-Phasen- und Yin-Yang-Theorie führten die beiden Bezugssysteme doch immer wieder zu unterschiedlichen Interpretationen von Gesundheit und Krankheit.

Diese Abweichungen in der Interpretation beruhen auf der Tatsache, dass die Fünf-Phasen-Therie Eins-zu-eins-Entsprechungen betont, die Yin-Yang-Theorie aber die Notwendigkeit des Verständnisses der Gesamtkonfiguration unterstreicht, von der jedes einzelne Teil abhängig ist.

Die Fünf-Phasen-Theorie koppelt z. B. Herz mit Feuer, während in der traditionellen Medizin die Nieren als physiologische Grundlage des Feuers anderer Organe bezeichnet wird. In solch einem Fall werden die formalen Entsprechungen der Fünf-Phasen-Theorie schlicht und einfach ignoriert.

Da die Abhängigkeit von der Tradition den Chinesen nicht erlaubte, die Fünf-Phasen-Theroie ganz und gar aufzugeben, machten sie von beiden Theorien Gebrauch.

Im besten Fall stellen die Zuordnungen eine brauchbare Art und Weise der Organisation wichtiger klinischer Situationen dar. Die Fünf Phasen werden hauptsächlich dazu gebraucht, klinische Prozesse und Beziehungen zu beschreiben und den begrifflichen Rahmen für die angemessene Behandlung zu liefern. Als erklärende Theorie stellt sie keine bindende Lehrmeinung dar.

Ein Praktiker, der die Fünf-Phasen-Theorie immer und auf alle Fälle benutzen möchte, muss sie ein wenig zurecht pfuschen. Dennoch stellt die Fünf-Phasen-Theorie ein wichtiges Hilfssystem von Symbolen dar, das zur Einschätzung und Diskussion klinischer Realität gebraucht wird.

Qi

Weder klassische noch moderne chinesische Texte spekulieren über die Natur des Qi, noch versuchen sie, diese begreiflich zu machen.

Qi wird vielmehr funktional verstanden: durch sein Wirken. Das Qi kann in viele unterschiedliche Arten unterteilt werden. Ein Sinologe hat in der Literatur der letzten 2500 Jahre 32 unterschiedliche Kategorien gefunden.

Es gibt diagnostische Methoden zur Feststellung von Stärke und Funktion des Qi, und es gibt spezielle Behandlungen zur Behebung von Funktionsstörungen des Qi:

  • mangelndes Qi wird "aufgefüllt"
  • übermäßiges Qi wird "abgeleitet" oder "zerstreut"
  • der Qi-Fluß wird "reguliert"

Organe in der TCM

Ein chinesisches "Organ" lässt sich nur durch seine Funktionen und Beziehungen definieren. Die TCM kann "Organe" identifizieren, die von der westlichen Medizin gar nicht wahrgenommen werden, z. B. den "Dreifachen Erwärmer". Sie nimmt von Organen und Drüsen, die in der westlichen Medizin klar definiert sind – z. B. der Bauchspeicheldrüse oder den Nebennieren – keine Notiz.

Die Leber ist in der TCM zuallererst durch die mit ihr assoziierten Funktionen definiert, im Westen dagegen durch ihre physische Struktur.

Die TCM kennt kein Nervensystem und auch keine Definition des Hormonsystems. Dennoch werden die im Westen so genannten endokrinen Krankheiten durch die TCM behandelt.

Die moderne westliche Medizin kennt den Begriff „Feuchtigkeit“ nicht, kann aber trotzdem das, was die TCM als „Feuchtigkeit der Milz“ beschreibt, behandeln.

Chinesiche Medizin beginnt und endet mit Yin und Yang und bewegt sich niemals außerhalb von Yin und Yang. Abzugrenzen, welche Organe bei den Mustern mitspielen, hilft lediglich der Feststellung, wo das Hauptgewicht der Yin-Yang-Disharmonie liegt.

Leitbahnen

In der chinesischen Medizin wird keine strenge Unterscheidung zwischen Blutgefäßen und Leitbahnen getroffen. Man hält sich selten mit detaillierten physischen Lokalisierungen auf: Das Magen-Qi "fließt aufwärts", das Blut "zirkuliert" - aber meistens ist nicht genau klar, wohin oder auf welchen inneren Bahnen sich die Substanzen sich nun eigentlich bewegen.

Der chinesische Begriff "jing-luo" kann mit "Leitbahnen" übersetzt werden. (Das chinesische Schriftzeichen jing in jing-luo unterscheided sich von dem, welches die Grundsubstanz "Jing" ("Essenz") bezeichnet.)

Jing heißt "durchgehen" oder "der Faden eines Stoffes"; "luo" heißt "etwas das verbindet oder anknüpft" beziehungsweise "ein Netz".

Die Leitbahnen stellen die Wege oder Kanäle dar, auf denen Qi und Blut durch den Körper befördert werden.

Das Nei Jing sagt: "Die Leitbahnen transportieren Qi und Blut, regulieren Yin und Yang, halten Sehnen und Knochen elastisch und fördern die Gelenke."

Eine französiche Übersetzung hatte das Wort "Meridian" in die Literatur eingeführt. Manfred Porkert bezeichnet die Leitbahnen mit dem chinesisch-lateinischen Kunstwort "Sinarterien".

In der Sammlung "Die Seidentücher aus dem Grabhügel Han Ma-wang" aus der Zeit vor dem Nei Jing werden nur 11 Leitbahnen beschrieben, die nicht zu einem System verbunden sind. Es werden keine Punkte erwähnt, nur die Leitbahnen, die als Einflusszonen dargestellt sind, die durch Moxibustion stimuliert werden können.

Diese Dokumente lassen vermuten, dass die Leitbahnen vor den Punkten bekannt waren. Der Brauch von vierzehn Leitbahnen zu sprechen begann mit Hua Shous Werk "Ausarbeitung der vierzehn Leitbahnen", das 1341 n. Chr. veröffentlicht wurde. Die älteste Beschreibung der Leitbahnen, jedoch ohne Reizpunkte, findet sich im "Ling Shu".

Pulsdiagnose

Die Pulsuntersuchung stellt oft die wichtigste der Vier Untersuchungen dar und bildet auch häufig den kritischen Punkt zur Unterscheidung der Muster.

Man muß sich darüber klar sein, daß die verschiedenen Pulsarten äußerst selten einzeln und für sich zu fühlen sind, sondern der Arzt normalerweise eine Kombination von zwei oder auch mehreren Pulsarten vorfindet.

Weder die chinesischen Zungen- und Pulszeichen noch die anderen allgemeinen Zeichen, die in den Vier Untersuchungen hervorgehoben werden, befähigen einen westlichen Arzt dazu, eine Diagnose zu erstellen. Gleichermaßen besitzt eine westliche Krankheitskategorie kein genaues Gegenstück in der östlichen Medizintheorie.

Akupunktur

Die Anzahl der Akkupunkturpunkte wurde im Laufe der Zeit immer wieder revidiert und erhöht. Der Text "Systematischer Klassiker der Akupunktur" von Huang-fu Mi stellt das älteste noch existierende Akupunktur-Handbuch dar.

Die Lokalisierung der Reizpunkte ist in der zeitgenössischen Literatur normalerweise an der modernen Anatomie orientiert. Die klassische Literatur lokalisiert die Punkte mittels einfach zu beschreibender, aber präziser körperlicher Merkmale.

Selten werden die Punkte einzeln benutzt; normalerweise wird eine Kombination von Punkten ausgewählt. Eine typische Behandlung bringt etwa fünf bis fünfzehn Nadeln zum Einsatz.

Heilkräuter

Von der Tang-Dynastie an entwickelte sich die Heilkräutertherapie zum dominierenden Zweig der chinesischen Medizin. In früheren Zeitperioden scheint man sich mehr auf Akupunktur konzentriert zu haben.

Das Nei Jing erwähnt nur zwei Kräuterrezepte. Die Wissenschaft der Heilkräuter nimmt aber tatsächlich die zentrale Stellung in der chinesischen Medizin ein. Während der letzten zwei Jahrtausende wurden in China wesentlich mehr Bücher dem Thema der Kräuterheilkunde als der Akupunktur gewidmet. Obwohl die chinesischen Ärzte dazu tendieren, beide Techniken zu praktizieren, gibt es auf jeden Fall mehr Ärzte die nur Heilkräuter anwenden, als solche, die nur akupunktieren.

Auch die Heilkräuter werden selten einzeln gebraucht, sondern normalerweise in Rezepten mit fünf bis fünfzehn Substanzen kombiniert.


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